Die Geschichte meines Jakobsweges

2008 Camino Frances, Pamplona -Santiago de Compostela, 2010 Via de la Plata, Sevilla - Salamanca, 2011 Via de la Plata, Salamanca - Santiago + Camino Finisterre, 20212 Camino del Norte, Hondarribia - Gurriezo, 2014 Camino Primitivo, Oviedo - Santiago, 2017 Camino Ingles, Ferrol - Santiago, 2022 Camino Portugues, Porto - Santiago, 2024 vier Caminos ein Weg, Via Tolosana - Camino Piamonte, Camino Frances, Camino Baztan entgegen der Richtung: im Zickzack durch das Baskenland: Artigelouve - Oloron Saint Marie, Saint Jean Pied de Port - Trinidad del Arre - Bayonne, 2025 Camino Lebaniego/Vadiniense: von Santander über San Vincente de la Barquera nach Leon

Ein neues Jahr, ein neuer Plan - 2026 Camino Aragones

Herzlich Willkommen im Jahr 2026

Planen kann man viel, aber was endgültig daraus wird vermag ich momentan nicht zu sagen.
Ich wage meinen 3. Versuch es auf den Camino Aragones zu schaffen.
Seit 2023 besteht der Plan und meinen ersten Start für Juni 2024 musste ich wegen eines unkomplizierten, aber vorhandenen, Fußbruches stornieren. 
Gestartet bin ich dann im September 2024 und nach meiner ersten Etappe war Schluss. Nicht Schluss mit meiner Wanderung, aber mit dem Plan Aragones. In Etsaut war es aufgrund von Überschwemmungen im Dorf zum Abrutsch der Straße gekommen. 
Schon ab Sarrance gab es kein Durchkommen mehr. 
In der Herberge von Oloron Saint Marie plante ich meinen Weg neu und lief im Zickzack nach Bayonne. 
Ein wunderschöner Weg, vielleicht auch, weil ich überhaupt nicht wusste was mich landschaftlich und kulturell erwartete.
Fasziniert durch die Berge entschied ich mich 2025 für den Lebaniego/Vadiniense.
Und nun habe ich die Flüge für 2026 gebucht. Am 14.5. 2026 geht es über Paris nach Pau und von dort nach Lacommande, am nächsten Tag starte ich dann wieder so wie 2024. Da ich 2024 die erste Etappe fast komplett falsch gelaufen bin und es aufgrund von der Schönheit der Natur und der Faszination unterwegs zu sein, einem falschen Schild gefolgt bin (Schild für ein am nächsten Tag startendes Radrennen, lief auf den ersten Kilometern parallel zum Camino und daher zwei verschiedene rot-weiße Zeichen) wird der Weg mich sehr schnell wieder in das Unbekannte nach Oloron-Saint Marie führen und dieses Mal werde ich auf die richtigen Zeichen achten. Dann geht es hinauf zum Somport und weiter Richtung Obanos und eine Etappe entgegen der Richtung nach Pamplona.
Ob das alles klappt? Einerseits mache ich mir Gedanken über meine Schmerzsymptomatik mit Überlastungsschmerzen aufgrund meiner Gangstörung und meine allergrößte Sorge ist meine Mutter. 
Ich mache mir Sorgen um ihre Depressionen, die sie nicht wahrhaben möchte, ihre Ängste, Unsicherheiten, Minderwertigkeitskomplexe, ihre suizidalen Gedanken, die sie bei mir nicht ausspricht und generell nicht wahrhaben möchte. Sie lehnt jegliche Hilfe ab, schimpft über alles und dabei wollen alle nur ihr Bestes.
Die familiäre Situation belastet mich, macht mich krank.
Der Lebaniego/Vadiniense war so schön, aber mit der Ankunft daheim war meine Entspannung und Erholung hinüber. 
Aber Pläne braucht man, irgendwie geht es immer weiter...


16. Januar 2026
Ich bin noch gar nicht unterwegs und mir gehen Gedanken durch den Kopf, was ich zur Einleitung in mein Tagebuch oder als Eintrag in Lacommande und Oloron Saint Marie in´s Pilgerbuch der Herbergen einschreiben könnte. 
Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf, auch der Gedanke:
Warum wieder und wieder pilgern??? 
Mich fesselt das Unterwegs sein. Obwohl ich in der Fremde bin fühle ich mich unterwegs so heimisch, angekommen, frei und bei mir - lebendig.
Ich bin einfach ich. Nirgends muss ich mich rechtfertigen, nirgends erklären, nichts abarbeiten und funktionieren. Es bedarf keine Planungen, keine wirklichen Ziele: nur ein Fuß vor den anderen setzen. 
Der geringe Besitz dessen was man dabei hat, das Zufriedensein mit dem was man zu essen bekommt - und sei es nur das trockene Stück Brot von vorgestern aus dem Rucksack. Das Akzeptieren aller Situationen in die man kommt, seien es die Zusatzkilometer bei verlaufen, Hinnehmen der Wetterverhältnisse, der Unterkünfte.
Das Erfreuen an der Natur, der Begegnungen - und seine sie noch so kurz, die Freude am Tagesende angekommen zu sein, Schmetterlinge, Vögel, Blumen und eine Kuh am Wegesrand. 
Die Flüge sind gebucht, bleibt nur noch die Frage, wie gehe ich mit den Tagen "zuviel" um. Laufe ich den Frances noch ein Stück weiter, lasse ich mir einen Pausentag... ? Es wird sich, wie alles, ergeben.
Es bedarf so wenig zum Glücklichsein.

31. März 2026
Schon verrückt, das erste Vierteljahr von 2026 ist schon wieder vorbei. Jetzt haben wir ganz offiziell Frühling, Ostern steht vor der Tür und damit der Beginn der Pilgersaison.
Und das Unglaubliche: es sind nur noch 1,5 Monate bis zu meinem Start.
Bin ich gut präpariert, bin ich vorbereitet und fit für das was ich geplant habe?
Ich versuche regelmäßig zu laufen und tue dieses auch. Jedes Mal muss ich feststellen:
meine Sehnenansätze werden ein Problem sein und ich hoffe, dass mein Arzt mir helfen kann, ohne Cortison wird es nicht gehen. 
Immer mal wieder hat es mich in en Teuto gezogen, aber jetzt habe ich gedacht, ich muss mal einen neuen Wanderweg gehen. Nur welchen? Im Sommer, nach meiner Reise, habe ich mich zu einer Tageswanderung mit meinem Arbeitgeber angemeldet, wir laufen einmal mehr eine Etappe des westfälischen Jakobsweges. 
Also: warum nicht von der eigenen Haustür starten, Richtung Köln und immer den Pfeilen hinterher. 
Die Etappe aus Münsters Innenstadt heraus nach Hiltrup habe ich mir gespart, diese Strecke kenne ich in und auswendig, fahre sie täglich mit dem Rad und ich wollte was Neues kennenlernen.
Also bin ich in Münster-Hiltrup am Bahnhof gestartet und mehr oder weniger spontan und unvorbereitet bis Drensteinfurt gelaufen. Drensteinfurt liegt etwas abseits des Weges, war aber der nächste Bahnhof (aus der Bauernschaft Rieth wäre ich mit den Öffentlichen nicht weg gekommen). 
Meine Güte, was eine Öde Etappe. Die hohe Vard in Hiltrup war schön und ich kannte diese noch nicht. Danach nur plattes Münsterland. Feld an Feld, kein Baum, kein Strauch, immer neben der Bahn her. Diese Etappe hat mir das Laufen so schwer gemacht, keine Abwechslung, nichts.
Aber ich habe auf dieser Etappe festgestellt, dass ich keinen Pilgerpass dabei habe und habe mir diesen an der Lambertikirche in Münster geholt. 
Den Stempel aus Rinkerode habe ich mir auf ein Stück Papier gestempelt und im Nachhinein ausgeschnitten und in den Pass geklebt. 
Um das öde Münsterland abzukürzen bin ich die nächste Etappe geradelt. Von Drensteinfurt mit dem Rad nach Werne. Eigentlich wollte ich noch bis Lünen fahren, aber ich habe in Werne festgestellt, dass ich meine Jacke verloren habe und ohne Winterjacke geht es morgens und abends nicht - also den gleichen Weg wie gekommen zurück.
Da es vor Werne wieder ganz nett wurde, bin ich inzwischen von Werne nach Lünen gelaufen, die Strecke hat mir bei schönstem Wetter gut gefallen. 
Morgen werde ich nach dem Dienst mit dem Zug nach Lünen fahren um die 12-15km nach Dortmund zu laufen und meinen Bruder besuchen. Auf Stadtlaufen habe ich nicht wirklich Lust, aber vom Satelitenbild sieht es so aus, als ob man über lange Zeit möglichst durch das Grüne und entlang von Grünanlagen und Parks geführt wird.

Bei näherem Studieren des Aragones und der Etappen dorthin bin ich zufällig auf die Tourismusseite von Sarrance und Borce geleitet worden. 
Mein Weg führt an einer Flugschule vorbei und in Accous muss voll von Paraglidern sein.
Ich habe einen Tandemsprung mit dem Gleitschirm gebucht. Morgens laufe ich ca. 10-11km steil den Berg von Sarrance nach Accous hoch und pausiere dann bis 11.30 Uhr um den Tandemflug zu absolvieren. Nach dem Flug laufe ich die zweite Weghälfte, noch einmal 10km nach Borce. Das Herbergsbett ist reserviert, es ist nicht schlimm, wenn ich etwas später dort bin. 
Da Tandemflüge auch schon um 10.30 Uhr angeboten werden, ich aber sicher sein wollte, wirkllich pünktlich vor Ort zu sein, habe ich den späten Flug gebucht. Vielleicht kann ich, bei sehr früher Ankunft, auch schon eine Stunde früher fliegen - aber egal, ansonsten genieße ich den Blick auf die Pyrenäen, pausiere ausgiebig und freue mich, auf den Flug und schaue mir die Gleitschirmflieger über dem Tal an. Angst habe ich nicht, ich hoffe, dass mir bei der Aktion nicht schlecht wird - und dass ich die Landung gut koordiniert bekomme und mir nicht die Haxen verstauche.

Einen Text, den ich in Lacommande in´s Gästebuch legen werde habe ich auch schon geschrieben. Der Text ist zu lang. Ich mag diese Gäste-Tagebücher und wenn es ein solches Buch gibt, setze ich mich gerne hin und schreibe etwas. 
Meine Via Plata könnte man in Nachhinein von Ort zu Ort in den alten Tagebüchern verfolgen und einmal bin ich auf diesem Weg auf eine Pilgerin getroffen, die mich eingeholt hat, meine täglichen Berichte gelesen hat und gefragt hat, ob ich diese Anne bin, die ihr bislang einen Tag voraus war und jeden Tag so schöne Berichte hinterlassen hat.

11. April 2026
Noch knapp etwas mehr als einen Monat bis zum Strat.
Bin ich gut vorbereitet? Ich habe das Gefühl - eher nicht. 
Vor 4-5 Wochen hat mich, trotz Impfung, die Influenza A getroffen. Jetzt habe ich eine Mittelohrentzündung, kann seit 8 Tagen kaum hören auf dem rechten Ohr.
Eigentlich wollte ich in dieser Osterwoche (ich habe Urlaub) meinn westfälischen Jakobsweg fortsetzen. Die Etappe bis Dortmund, 15km haben gut geklappt, aber weiter bin ich noch nicht gekommen. Erst einmal muss ich das momentane Virus los werden.
Heute habe ich meine Packliste gechekt. Das meiste habe ich im Schrank, leider habe ich im letzten Jahr zugenommen, mein Gewicht nicht gehalten. 
Immer wieder habe ich mir vorgenommen vor Reiseantritt noch abzunehmen, aber ich bekomme es momentan nicht hin. Der Wille ist da, der Geist schwach.
Einige Unterkünfte habe ich noch klar gemacht. 
Zwei Herbergen sind momentan geschlossen, die in Ruesta soll im Mai wieder offen sein - ich habe heute mit der Herberge telefoniert und eine Reservation vornehmen können. 
Die Albergue in Jaca ist weiterhin geschlossen, dort habe ich in einer privaten Herberge, Casa Mamre, ein Bett reserviert. 
Ich weiß, dass mich die Reservationen in einer Freiheit einschränken können, aber absagen geht noch immer, längst nicht überall musste ich im Vorhinein bezahlen. Die Zahlung erfolgt beim Einchecken und wenn etwas dazwischen kommt, kann ich immer noch stornieren. 
Für Bilbao brauche ich definitiv eine Übernachtung, weil ich am Abreisetag in Bilbao vor Ort sein möchte.
Die Unterkunftssuche in Bilbao war nicht schwer, aber auch nicht problemlos. Meine bisherige Unterkunft ist ausgebucht, ich denke, dass viele Mammutmarschläufer in dieser Nacht dort vor schlafen. In einem innerstädtischen Hostel habe ich ein Bett im Schlafsaal reserviert. Diese Unterkunft wird auch im Unterkunftsverzeichnichs des Camino del Norte geführt. Bilbao selbst hat keine Herberge.
In Bilbao ist am Abreisetag Mammutmarsch und nach langen Überlegungen habe ich mich dort für den 30km-Marsch angemeldet. Ich weiß, dass ich 30km laufen kann, in die Nähe dieser Distanz komme ich auf meiner Reise. Aber ich stelle es mir toll vor, in einer gut gelaunten Menge, am letzten Tag Bilbao und Umgebung zu Fuß zu durchlaufen. Angemeldet bin ich für die erste Startgruppe und wenn ich meinen Rucksack dabei habe, kann ich vom Marsch direkt zum Flieger. Ggf. muss ich einen der Ausstiegspunkte des Weges zum Abbruch nehmen, wenn ich zu langsam bin. 
Ich freue mich und ich hoffe, dass ich gesundheitlich in einem Monat fit bin.

14. April 2026

So langsam bekomme ich Angst, dass aus dem Camino Aragones und allem was ich dazu geplant habe wieder nichts wird.

Heute in einem Monat wäre ich um diese Zeit in der Lounge des Pariser Flughafens und würde auf meinen Anschlussflug von Paris nach Pau warten. Gegen 14.30 Uhr würde ich planmäßig in Pau landen, in ein Taxi steigen und 20min später in Artigelouve meinen ersten Schritt auf den diesjährigen Camino setzen.

Letztes Jahr, nach Papas Tod, habe ich mich auf den Camino gefreut, aber es war eine leise Freude, verhalten und im Vorfeld habe ich die Freude nicht so wahrgenommen, wie war im Hintergrund. Alles war etwas gedämpfter – aber dennoch vorhanden.

Dieses Jahr ist die Vorfreude wieder groß, auch wenn ich nicht das Gefühl habe, sonderlich gut vorbereitet zu sein, aber ich bin vorbereitet.

Und seit nun mehr 12 Tagen macht mein Ohr so massive Probleme. Ich höre so schlecht, das Druckgefühl, das Pfeifen.

8 Tage Antibiose, von dieser habe ich nichts verspürt. Die Schmerzen der ersten 2 Krankheitstage sind besser, aber ansonsten ist alles unverändert

Ich habe begonnen meinen Rucksack zu packen, fehlende Dinge organisiert und im Prinzip könnte es fast losgehen, nur das Päckchen mit den Hosen und T-Shirts fehlt noch, diese sollten bis Donnerstag ankommen.

Ich habe mir so viel vorgenommen, die Wanderung, der Gleitschirmflug, der Abstecher steil bergauf nach San Juan de la Pena, die Berichte für die erste und letzte geplante Herberge sind geschrieben, Katzensitter organisiert und langsam kommt die Angst, dass es wieder nichts werden könnte.

Auch darf diese Schwerhörigkeit nicht bleiben.. Die nächsten 9 Tage bin ich noch krankgeschrieben, Zeit die ich auch zum Wandern nutzen könnte.

Spricht was dagegen, wenn ich trotz AU wandern gehe? Heute scheint die Sonne so schön, das Wetter wäre perfekt. Das Ohr pfeift, ob ich zu Hause oder unterwegs bin. Was ist richtig, was ist falsch? Riskiere ich mit körperlicher Belastnng den Krankheitsverlauf?

Ich glaube nicht, letztendlich ist alles erlaubt was nicht schadet.

Dagegen spricht das schlechte Gewissen, dass Kollegin1 gerade nicht weiß wo ihr der Kopf steht, Kollegin 2 im Urlaub ist und ich eine AU habe.


Meine Mutter begleitet mich gedanklich seit meinem ersten Camino immer.

Damit sie sich nicht so viele Sorgen machen muss, damit sie weiß, wo ich bin, was ich geplant habe und war mir bevorsteht,

habe ich für sie ein Script vorbereitet. Ich werde ihr den großen und schweren Wanderführer geben, den sie mir in Vorbereitung auf meinen ersten Weg zu Weihnachten geschenkt hat. In diesem Wanderführer wird neben dem Camino Frances auch der Camino Aragones erläutert.

Das Buch ist zu schwer, als dass ich es mit auf meine Wanderung nehme. Die dort erwähnten Herbergen sind nicht mehr aktuell, aber Kultur, Geschichte und Landschaft haben sich nicht verändert.

Sofern sie möchte, kann sie dort immer nachlesen, was es zu sehen und zu erleben gibt.


Ich möchte so gerne in vier Wochen fit sein, ich möchte den Weg laufen – aber ich möchte vor allem so gesund und fit als möglich sein..

Einen Termin beim Orthopäden muss ich noch vereinbaren. Ich hoffe, dass mir mein Orthopäde noch die Sehnenannsätze in den Waden/Tibiakopf spritzen kann und mir auch etwas Notfallcortison für den Weg verschreibt., nicht als Dopingmittel, aber um den Weg schmerztechnisch ermöglichen zu können.



15. April 2026

Ich bin frustriert. Mein Hausarzt hatte mir gesagt, dass ich mich ein weiteres Mal beim HNO vorstellen soll, aber dieser sagt, dass ich einfach Geduld haben muss.

Morgens habe ich beim HNO angerufen und um einen Termin gebeten. Die Sprechstundenhilfe war sehr nett und hat gesagt, sie spricht mit dem Arzt, erkundigt sich, wie viel Zeit eingeplant werden soll (zwecks Untersuchungen) und meldet sich in Kürze zurück.

Der angekündigte Rückruf kam, mit dem Hinweis kein Arztbesuch notwendig, es könnte auch schon mal 6 Wochen dauern bis das Gehör wieder kommt.

Mir war nach Heulen, totaler Frust… Ja, es ist gut, dass das Gehör wiederkommen soll. Aber dieses Nichts-Tun-Können ist anstrengender, als eine schmerzhafte Untersuchung/Therapie.

Mit dem Gefühl, mir etwas Gutes tun zu müssen, habe ich schnell in den Fahrplan der Bahn geschaut, in die Übersicht der Etappen des westfälischen Jakobsweges, habe meine Wanderschuhe geschnürt und auf zum Bahnhof. Krankmeldung hin oder her – es ging bei der Krankmeldung um das Thema Akustik im Büro.

Um 11.35 Uhr fuhr der Zug fast pünktlich gen Dortmund. Da ich außer einer Flasche Wasser nichts im Rucksack hatte, kaufte ich am Bahnhof ein belegtes Brötchen, suchte die U-Bahn zum Westfalenpark und weiter ging es.

Ca. 13.00 Uhr stand ich mit meinem Navi suchend an der U-Bahn. Wo ist der verdammte Einstieg zum Weg? Abkürzend quer über einige große Parkplätze und einige Straßenecken weiter, sollte ich laut Navi auf dem Weg sein. Wegweiser fand ich nicht.

Wegansagen stelle ich unterwegs immer aus, eigentlich möchte ich nicht ständig das Handy in der Hand haben. Auch hatte ich eine andere Einstellung im Navi, denn sonst schrillt die App, wenn ich den Weg verlasse.

Von einem Stadtteil ging es, teils durch schöne Grüngebiete, in den nächsten Stadtteil. Entweder gibt es die Wegweiser nicht, sie sind verdeckt, verrottet, überklebt oder…

An jeder Kreuzung, Abbiegung der Blick – auch vorausschauend – wo könnte ein Wegweiser sein. Finde ich keinen Wegweiser laufe ich geradeaus weiter, aber auch das war nicht immer korrekt. Die Deutung der Wegweiser ist auch nicht überall einheitlich.

Nicht immer läuft man in die Richtung wo der Strahlen der Muschel zusammentreffen. Mal zeigt der Strahlenmittelpunkt nach oben, was geradeaus heißt, oftmals ist die Muschel mit Strahlenrichtung links, aber es geht geradeaus. Manchmal klebt auch ein Pfeil mit der Laufrichtung unter dem Wegweiser. An einigen Kreuzungen (auch im Wald) steht keine Wegrichtung, im botanischen Garten/Zoo war es auch schwer. Viel Zeit habe ich, gefühlt, durch den Blick ins Handy verloren. Einheimische zu fragen macht gar keinen Sinn.

Nachdem ich Dortmund-Wellinghofen verlassen habe wird der Weg endlich schön. Plötzlich biegt der Weg nach links in den Wald ab. Zwar läuft es sich auf einem verschmutzten Fahrweg, aber es geht durch den frischen, grünen, erwachenden Buchenwald bergauf. Mal bergauf, mal bergab, aber immer durch den Wald. Fast niemand begegnet mir, aber es ist Mittwochnachmittag, nicht die typische Wanderzeit.

Von einem Kriegsmahnmal geht es weiter durch den Wald, am Stadtrand von Ahlenberg vorbei. Ich freue mich, denn dieser Ortsteil gehört bereits zur Stadt Herdecke. Dann geht es weiter nach Syburg und verwundert stelle ich fest, dass dieser Stadtteil wieder zu Dortmund gehört. Es geht wieder bergauf und ich komme an eine schöne alte Kirche, die evangelische Kirche Syburg. Umgeben von einer alten Mauer und einem uralten Friedhof schaue ich mir diesen Ort in aller Ruhe an. Leider ist die Kirche verschlossen, ich hätte mir einen Stempel in die Credencial von hier gewünscht.

Zuvor in Wellinghofen habe ich in der Kirche eine Stempelstelle gefunden. Nachdem ich einige Kerzen angezündet habe, einen kurzen Bericht in das Pilgerbuch geschrieben habe ging es weiter.

Dieses Örtchen in Syburg ist wirklich schön. Auf der Bank vor der Kirche esse ich mein Brötchen, dann geht es weiter. Es ist schon 17 Uhr und ich habe keine Ahnung, wie weit es noch ist. So ungefähr kann ich die Strecke schätzen, aber wirklich wissen tue ich es nicht.

Von der Kirche geht es an einem Spielcasino leicht weiter aufwärts und ich erreiche die Ruine der Hohen Syburg. Zeit zum Ausruhen oder zum genauen Anschauen nehme ich mir nicht – ich muss Strecke machen.

Ich weiß, dass die Züge auch am Abend von Herdecke weiterhin regelmäßig fahren, aber ich möchte auch irgendwann ankommen.

Hinter der Burganlage finde ich einen kleinen Kiosk. Ich frage nach einem Stempel und hier bekomme ich einen.

Auf der Website des westfälischen Jakobsweges sind die Stempelstellen angegeben, mehrfach habe ich bereits festgestellt, dass diese nicht vollzählig oder aktuell sind. Im Kiosk bekomme ich noch einige kleine Tütchen Gummibären als Proviant geschenkt. Auf die Frage wie weit es nach Herdecke ist, heißt es nur: das ist noch ein ganzes Stück und Sie müssen auch noch den kompletten Berg hinabsteigen.

Also nichts genaues.

Der Weg führt an einigen Aussichtspunkten vorbei und von hier oben kann ich auf die Lenne oder die Ruhe hinabschauen. Welcher Fluss es ist: keine Ahnung, spielt aber auch keine Rolle. Im Vorfeld habe ich mich nicht mit dem Weg auseinander gesetzt, laufe ins Blaue und welche Rolle spielt es, welchen Fluss ich sehe.

Der Abstieg ist steil, einmal knicke ich mit links um, erschrecke mich – aber es ist nichts passiert. Serpentine um Serpentine geht es abwärts auf einem schmalen, steinigen Weg. Ich genieße diesen Weg, die Natur ist genau so wie ich es so gerne mag.

Immer abwärts um Kurven erreiche ich irgendwann den Fluss. Ich lese auf einem Schild, dass die Mündung der Lenne in die Ruhr ist – okay, dann folge ich jetzt weiter der Ruhr Richtung Herdecke. Laut einem Schild sind es noch 5,5km. Ich überquere die Brücke und biege nach rechts ab. Leider ist der Originalweg direkt am Wasser durch eine Baustelle gesperrt. Ich hoffe, dass die Umleitung mit meiner Wegführung übereinstimmt, aber ich habe gesehen, dass ich habe gesehen, dass es jetzt erst einmal am Fluss entlang geht. Auf diesem Weg kommen mir viele Spaziergänger entgegen. Die Sonne spiegelt sich im Wasser, viele Gänse und Enten sitzen am Wegesrand und am Fluss, auch wenn ich mich hinter dem Bauzaun ein ganzes Stück entfernt habe. Erste Gänseküken sind geschlüpft, die Vögel singen aus vollem Halse – Frühling, so wie es mag.

Nach ca. 2km komme ich wieder auf den direkten Weg am Fluss. Ich habe das Gefühl es zieht sich in die Länge, inzwischen habe ich wieder Wegweiser gesehen. Zurück auf der anderen Flussseite geht es in den Endspurt. Vielleicht habe ich einen Wegweiser übersehen, Jakobsmuscheln finde ich keine mehr, aber immer wieder lese ich auf dem Fahrradwegweiser: Herdecke-Altstadt. Eine Kirche sehe ich vor mir, so ganz falsch kann es nicht sein. Auf dem Wegweiser ist auch der Bahnhof ausgeschildert und wenn ich dem Wegweiser traue, müsste es von den Kilometerangaben ein Bahnhof mitten in der Altstadt sein.

Um 18.45 Uhr bin ich in Herdecke, ich weiß, dass der Zug um 19.01 Uhr zurück nach Dortmund fährt. Mein Handy ist längst leer, die Powerbox von der ich dachte, sie sei geladen, scheint auch leer zu sein. An einer Eisdiele stoppe ich kurz an, frage nach dem Weg und kaufe ein Eis. Noch mehrfach muss ich nach dem Weg fragen, es geht durch die Stadt bergauf. Es ist noch ein ganzes Stück, eine weitere große Kirche sehe ich hinter einigen Häusern, aber ich habe keine Zeit mehr. Ich haste den Weg hinauf und mit Einfahrt des Zuges erreiche ich auf die Sekunde genau den Zug. Der Zugführer sieht mich abgehetzt kommen und macht mir ein Zeichen, dass er auf mich wartet, laut Durchsage müssen wir noch die Durchfahrt eines anderen Zuges abwarten.

Der Rückweg läuft problemlos, in Dortmund habe ich direkten Anschluss nach Münster und gegen 21.00 Uhr bin ich zurück in meiner Wohnung. So blöd wie der Tag angefangen hat, so schön hat er geendet.

Wie weit ich genau gelaufen bin, kann ich nicht sagen, dass Handy war zuvor leer, aber es waren mindestens 21km. Es hat gut geklappt, ich hatte nur wenig Schmerzen, erst wenn ich zur Ruhe komme und nach einer Pause aufstehe, merke ich meine Muskeln.

So grün hätte ich den Weg nicht erwartet, wobei es erst hinter Wellinghofen richtig in die Natur ging. Aber das letzte drittel des Weges hat für alles entschädigt.

Leider hatte ich keine Zeit mehr, in Herdecke nach einem Stempel für den Pilgerpass zu suchen – und auch wenn es nur für mich ist – wenn ich den Weg fortsetze werde ich mit einem Stempel starten. Soviel ist gewiss.


17. April 2026

Heute bin ich im Vertrauen darauf, dass es mit meinem Camino klappen wird, meine Packliste durchgegangen.

Der Rucksack steht im Schlafzimmer und alles was vorhanden ist, habe ich geprüft und eingepackt.

Fakt ist: alles was in den Rucksack hineingehört ist vorhanden.

Meine Medis und Bedarfs/Notfallsmedikamente muss ich noch prüfen, Medikamente einpacken, Shampoo abfüllen, Bestand an Blasenpflastern (aber vorhanden) checken, aber im Prinzip könnte es übermorgen losgehen.

Ein gutes Gefühl.

Für Sonntag, bislang ist das Wetter überwiegend gut/bewölkt mit niederiger Regenwahrscheinlichkeit angekündigt.

Bleibt die Wettervorhersage so wie sie ist, oder bessert sich noch weiter, werde ich Sonntag meinen Weg in Herdecke fortsetzen.

Ein etwas längere Distanz mit 27 Kilometern nach Schwelm steht auf meiner ToDo-Liste. Es sind noch vier Etappen bis Köln. Zwei Etappen mit jeweils 27km und 2 Etappen mit knapp unter 20km. Es wäre ein gutes Gefühl vor meinem Urlaub es bist Köln geschafft zu haben. Und warum nicht die Krankschreibung nutzen und mir etwas Gutes tun.

Wandern tut mir gut, ich fühle mich dabei gut, es ist gut für meine Seele und das ist niemals falsch..



19. April 2026

Mit meiner Wanderung wird es heute nichts.

Die Wettervorhersage wurde seit Freitag ständig schlechter, hohe Regenwahrscheinlichkeit, Wind, Gewitter, wenig Sonne.

Auf dem Camino würde ich bei so einem Wetter laufen, hier aber nicht – das ist der Unterschied.

Da die Vorhersage sich von Stunde zu Stunde änderte, habe ich mir den Wecker auf 5.45 Uhr gestellt. So hätte ich nach dem Wecker noch etwas Zeit zum richtigen Wachwerden gehabt, hätte aufstehen können und den Zug um 7.34 Uhr nach Herdecke nehmen können.

Mit Weckerklingeln dachte ich: ich komme niemals hoch, ich habe sooo schlecht geschlafen, bin müde – ich muss mich noch einmal umdrehen. Ein Blick auf die Wetter-App und ich habe beschlossen: das wird heute nichts. Weder komme ich gegen meine Müdigkeit, noch gegen das Schlechtwetter an.

Es war die richtige Entscheidung und ich habe gemütlich weiterschlafen können. Wenn, dann möchte ich meine Wanderung genießen und mir nicht dabei den nächsten Infekt einfangen.



21. April 2026

Auch wenn ich noch immer mit meinem Ohrenproblem kämpfe, ich werde heute wandern gehen. Das Wetter ist gut vorausgesagt, etwas Wolken, Wind, aber mit Sonne und geringer Regenwahrscheinlichkeit.

Um 0934 Uhr saß ich mal wieder in der Bahn nach Dortmund und um 11.10 Uhr war ich in Herdecke.

Als erstes lief ich zur evangelischen Kirche die ich letztes Mal auf der Suche nach dem Bahnhof gesehen habe und von der ich weiß, dass sie am Weg liegt.

Ein schönes Kirchengebäude, aber leider verschlossen. Ich lief um den Kirchplatz und fand das Bürgerbüro wo ich meine Credencial stempeln ließ. Danach ging es endgültig los. In Herdecke fand ich mal wieder diverse Schilder nicht, aber mir war bewusst, dass ich wieder zurück zur Ruhr muss, diese überqueren und ab diesem Zeitpunkt war ich auf dem Weg und fand ihn bis auf die letzten Meter in Schwelm problemlos.

Zur Sicherheit habe ich dann auch das Offline-Navigieren ausprobiert. In dieser Einstellung kann ich jederzeit auf die heruntergeladene Wegkarte schauen, zeichne den Weg nicht auf und das Handy zieht nicht so viel Strom.

Heute sollen es 27km. Also los und laufen.

Schnell war ich hinter Herdecke im ersten Wald und danach ging es heute überwiegend durch Wälder, wenig Orte, wenig Straßen.

Das junge Baumgrün fasziniert mich immer wieder, in der Sonne leuchtet es strahlend grün.

Heute geht es häufig auf und ab, die Steigungen sind ein gutes Training. Einige Anstiege ziehen sich in die Länge, andere sind kurz und steil. Schon nach wenigen Kilometern komme ich an einem alten Turm auf einer Bergspitze vorbei. Allein für diese Meter hat die heutige Etappe sich gelohnt. Bis Hagen-Haspe geht es kontinuierlich durch Wälder und an Feldern vorbei, einmal laufe ich an einem Ortsrand vorbei. In den Vorgärten gibt es wunderschöne Azaleen, roten Ginster, viele Tulpen.

Von dort geht es über Wiesenhänge. Von den Bergspitzen/Hügeln sehe ich in der Ferne einen Ort. Kurz denke ich darüber nach ob es schon Gevelsberg sein könnten, aber dafür ist es noch viel zu früh. Der Ort bleibt nicht lange in meinem Blickfeld, denn der Weg wendet sich in eine andere Richtung.

Hagen-Haspe hat eine große Kirche, aber diese ist geschlossen, das Pfarrbüro ebenso. In der Wegbeschreibung steht, dass es dort den Pilgerstempel gibt – aber was bringt mir das, wenn die Kirche nur Donnerstags geöffnet ist?

In einem Kaffee gibt es eine Tasse Kaffee und ein belegtes Brötchen als verspätetes Mittagsessen und zur Stärkung. Im Café befrage ich das Personal ob es eine alternative Möglichkeit für eine Stempelstelle gibt, aber das Personal weiß nicht, dass es an einem ausgeschilderten Pilgerpfad liegt und kann nicht helfen. Im Bürgerbüro in Herdecke hat sich das Personal sehr über meine Frage gefreut, wir hielten einen kurzen Schnack und erfahre, dass einen Tag voraus eine Pilgerin auf ihrer Tour ist.

Hier in Haspe nur komische Blicke und Ahnungslosigkeit, dabei können wir aus dem Café auf die Kirche schauen. Aus Haspe raus geht es bald wieder in den Wald, aber bis dahin muss ich gut auf den Weg achten, schaue vorausblickend. Nicht immer sind die Wegweiser gut sichtbar angebracht, oftmals sehr hoch oder erst auf der gegenüberliegenden Straßenseite einer Kreuzung.

Ich freue mich, dass es sich so gut läuft. Der Schritt ist flüssig, wenig stolpern, ich habe gute Laune – das schlechte Hören stört mich hier draußen, wo ich nicht rede, nicht.

Wieder geht es, so wie auch zuvor, berg hoch, berg runter, eine Kurve nach der anderen. Auf der Karte habe ich gesehen, dass ich oftmals in vielen Kurven laufe und nicht einfach geradeaus. Ich folge dem natürlichen Verlauf der Hügelkette was immer schöner ist als schnurstracks geradeaus auf einer Straße – aber dadurch zieht sich der Weg in die Länge.

Hier im Bereich von Gevelsberg ist der Weg gut markiert, zu den Wegweisern sind auch Namensschilder der Hügel ausgeschildert. Und dann sehe ich am Wegesran einen weißen Kasten – mit einem leeren Flyerfach (ich nehme an Infos zum Weg) und dem Hinweis, dass es 50 Meter weiter, in Haus Nr. xyz eine Stempe.ste.lle bei Familie Fröhlich gibt. Ich gehe von einem Holzkasten vor dem Haus mit Stempel aus, aber nein: am Haus gibt es eine Klingel, mit dem Hinweis, dass es sich bei Familie Fröhlich um Pilgerfreunde und Kümmerer für Pilger handelt. Vor dem Haus steht eine Bank zum Ausruhen auf der „Pilgerbank“ steht.

Ich klingel spontan und man freut sich, dass ich vorbei komme. Wir halten einen netten Plausch, man füllt mir meine Wasserflasche, bekomme die nächsten Kilometer erklärt und erhalte den Flyer zum Weg. Von hier aus erklärt man mir, falls ich nicht zu streng mit mir bin, gibt es eine Abkürzung entlang der Straße… Außerdem erfahre ich, dass ein Stück des Weges vor Schwelm gesperrt ist, da ein Bauer den Weg über seinen Hof verboten hat. Familie Fröhlich entspricht ihrem Namen, und auch wenn es höchstens 10min waren, war es eine nette Begegnung. Man wünscht mir zum Abschied alles Gute und ich ziehe von dannen. Aufgrund der heutigen Distanz entschließe ich mich für die Abkürzung und folge der Straße, die automatisch an einer Bahnschranke wieder auf den Weg führt. Immer im Hinterkopf die Zeit und der späte Start in Herdecke.

Gevelsberg zieht sich in die Länge und um aus der Stadt rauszukommen muss ich wieder den Berg auf dem Seitenstreifen der Straße hinauflaufen. Oben angekommen biege ich nach rechts ab und setze mich in die Sonne und pausiere kurz. Wasser, den Rest vom Brot und weiter geht es. Irgendwo und irgendwann werde ich stutzig, weil ich schon länger kein Schild gesehen habe.

Ich weiß jetzt, warum die Wegweiser so hoch an den Masten hängen: es soll ein Schutz vor Vandalismus sein, Schutz vor überkleben, Schutz vor abreißen…

Jetzt packe ich doch mein Handy aus, der Weg ist heute zu weit um viele extra Kilometer zu laufen und stelle fest, dass ich einen Abzweig verpasst habe. Auf der Karte sehe ich auch keine vernünftige Alternative um mich von hier durchzuschlagen und drehe um. Zum Glück war es höchstens ein Kilometer zusätzlich., aber dafür habe ich auf diesen Extrametern das erste Stadteingangsschild von Schwelm gesehen und entferne mich jetzt wieder von diesem. 30Min später stehe ich dann dort, wo der Weg gesperrt ist und schaue auf die mir ausgehändigte Karte, wie es jetzt weiter geht. Sinnvoll wäre es gewesen, vorher sich den Weg einzuprägen. Statt wieder komplett umzudrehen – ich möchte endlich ankommen – laufe ich am Rand des gesperrten Bauernhofes durch eine Wiese, klettere durch einen Holzzaun und folge der Karte Richtung Weg. Kurz danach erreiche ich den Stadtrand von Schwelm. Weil ich zum Bahnhof muss und nicht weiß, ob dieser am Weg liegt oder wie weit es zusätzlich wäre, gebe ich den Bahnhof als Ziel in mein Navi ein und lasse mich dorthin führen. Für einen Stempel aus einer öffentlichen Stelle ist es um 18.30 Uhr zu spät. Meine nächste Etappe werde ich mit einem Stempel aus diesem Ort starten.

Eigentlich Quatsch, ich brauche die Stempel nicht, brauche die Credencial nicht, weil ich auf diesem Weg nicht übernachte – aber irgendwie gehört es für mich auf einem Jakobsweg dazu.

Mit der S-Bahn geht es nach Essen, danach mit der Regionalbahn nach Münster.

Das Laufen hat mir heute so viel Spaß gemacht, es hat gut und flüssig geklappt. Die gelaufene Zeit war für mich ordentlich: 7 Stunden inklusive kurzer Pausen.

So schön das Laufen war, um so erschreckender und beängstigender das Ende meines Tages. Im Zug nach Münster wird mich von jetzt auf gleich schlecht, alles beginnt vor meinen Augen zu flimmern und ich sage zu meinen Sitznachbarn, dass es mir nicht gut geht und ich das Gefühl habe zu kollabieren. Genau so war es, als es mit meiner Ohrenentzündung losging.

Flimmern wird immer stärker und ich lege mich mitten auf den Zugboden und lehne meine Beine an die Wand. Alle sind sehr erschrocken, mir ist das Ganze total peinlich – aber in diesem Moment geht es mir gar nicht gut. Was ist mit mir los.

Beim ersten Hinsetzen wird mir wieder ganz schwindelig, so dass ich mich wieder hinlege. Der Schaffner kommt hinzu und fragt immer, ob er einen Rettungswagen bestellen soll.

Nach einiger Zeit geht es wieder und ich setze mich zurück auf meinen Platz. Das Pärchen neben mir fragt immer besorgt, bietet mir Apfel und Wasser an, der Schaffner kommt immer wieder vorbei. Und dann geht der ganze Spuk wieder von vorne los. Die letzten beiden Haltestellen fahre ich im Liegen, ich möchte keinen Rettungswagen nehme aber das Angebot an, dass mich das Zugpersonal zum Taxi begleitet. Mein Fahrrad bleibt heute in der Radstation.

Was ist mit mir los? Ist es Überanstrengung, ist es mein Ohr, habe ich Flöhe und Läuse? Soll es wieder nichts werden mit dem Aragones?

Ich freue mich so auf meinen Weg, das Laufen war heute so gut, bin so gut vorbereitet wie es momentan die Lage hergibt und jetzt wieder einen Rückschlag? Sch…, also morgen mal wieder zum Arzt.


23. April 2026

Wieso braucht es 6! Arzttermine um Gewissheit oder eine richtige Diagnostik zu bekommen? Warum wird man nicht ernst genommen, richtig angehört, oder….

Nachdem meine Wanderung am Dienstag so unschön endete, mir der Hausarzt am Folgetag auch nur sagen konnte, dass ich scheinbar ein Kreislaufproblem gehabt hätte – ob im Zusammenhang mit dem Ohr oder nicht? – wurde ich an einen anderen HNO verwiesen.

Zu dem zuvor besuchten HNO sagte meine Hausärztin nur: der ist bekannt dafür, dass er doof ist… Okay, auch mal eine Aussage, aber wo findet man einen Arz, wo man spontan einen Termin findet? Es ist nicht immer leicht.

Meine Hausärztin vermittelte mich an eine ander HNO-Ärztin und tatsächlich bekam ich mit der Überweisung einen Termin für heute.

Egal, dass es eine längere Wartezeit gab, ich wurde endlich richtig untersucht. Ausgiebige Inspektion der Ohren, Nase, Hals, Hörteste, Ohrendruck, Knochenschallleitung…

Mit allen Ergebnissen zusammen kam die Ärztin mit dem Ergebnis, dass nicht nur das Mittelohr, sondern auch das Innenohr in Mitleidenschaft gezogenwurde. Die Hörkurve war nicht in Ordnung, auf dem Trommelfell abheilende Krusten.

Wahrscheinlich ist es eine Gürtelrose auf dem Trommelfell gewesen, aber genau kann man das jetzt nicht mehr sagen. Für eine Antivirale Therapie ist es zu spät. Jetzt gibt es für eine Woche orales Cortison, nächsten Donnerstag habe ich einen erneuten Hörtest und ein Arztgespräch, dann wird weiter geschaut.

Ich hoffe einfach nur, dass die Ohrgeräusche weniger werden, das Druckgefühl abnimmt und vor allem mein Gehör zurück kommt…

Schlimm, dass man 6 Arzttermine benötigt und sich drei Wochen quälen muss, bevor man ernstgenommen wird (meine Hausärztin hat mich ernstgenommen, an beiden Terminen für einen neuen Facharzttermin plädiert und mich letztendlich in eine Praxis vermittelt.

Meine Blutergebnisse sind alle gut. Entzündungswerte, Cholesterin, Zucker, Leber, Niere, Schilddrüse…. Zumindest das ist ein gutes Ergebnis.


27. April 2026

Gestern bin ich eine weitere Etappe auf dem westfälischen Jakobsweg gelaufen und so langsam denke ich, die vor mir liegenden Kilometer durch Frankreich und Spanien könnten gut klappen.

Ursprünglich habe ich mir den Wecker für gestern auf auf 5.50 Uhr gestellt. Geplant hatte ich, den Zug um 7.34 Uhr nach Schwelm zu nehmen. Da ich mal wieder eine Nacht hatte in der ich mehr als schlecht geschlafen habe – auch erst sehr spät eingeschlafen bin – war ich beim Weckerklingeln zu gerädert, dass ich dachte: Nein, heute wird das Nichts.

Ich habe mich noch einmal im Bett herumgedreht, habe etwas gedöst, bin nicht mehr in den Schlaf gekommen und meine Fellnasen haben ihr Übriges getan um mich davon zu überzeugen aufzustehen. Die Stunde im Bett hat mir aber noch gut getan und die Zeit hat problemlos gereicht eine Stunde später als geplant aufzubrechen, den kleinen Tagesrucksack hatte ich am Vorabend schon gepackt.

Über Dortmund ging es weiter nach Schwelm, den Weg vom Bahnhof zum Weg habe ich problemlos gefunden.

Da ich bei meiner Ankunft vor einigen Tagen in Schwelm zu spät war und keine Zeit mehr hatte nach einem Pilgerstempel zu gucken bin ich direkt in die evangelische Christuskirche am Weg gegangen. Laut meinen Informationen soll diese Kirchengemeinde einen Stempel haben.

In der Kirche wurde die Konfirmation gefeiert und ich bin eine Weile im Gottesdienst sitzen geblieben.

Da die Etappe bis Wermelskirchen 27,7km lang ist, meine Startzeit schon relativ spät ist (zumindest wenn man bedenkt, dass ich noch 3 Stunden Heimfahrt haben werde) bleibe ich nicht bis zum Ende des Gottesdienstes.

Leider finde ich nirgends in der Kirche einen Stempel und starte ohne den Nachweis in Schwelm gewesen zu sein.

Der Weg aus Schwelm heraus ist mal wieder nicht so einfach zu finden. Ich fackel nicht lange, bei dieser langen Etappe möchte ich nicht zu viele Extrameilen laufen, und wenn mir die Beschilderung nicht klar ist, werfe ich einen Blick auf meine Wegkarte im Handy.

Die Route des Weges habe ich gespeichert, die erscheint als roter Strich auf dem Bildschirm und ich bin der blaue Punkt. So sehe ich immer, ob ich auf dem Weg bin, ob ich abbiegen muss, etc.

Ich versuche das Handy unterwegs zu vermeiden, aber manchmal ist es hilfreich. Aus Schwelm geht es, wie sollte es anders sein, in Richtung der bewaldeten Hügelkette und ich laufe in den Wald hinein. Kurze Zeit später stehe ich m wieder vor einer Weggabelung und nirgends ist ein Zeichen zu finden. Ist es Vandalismus, sind die Zeichen zugewachsen, habe ich nicht aufgepasst…? Es gibt viele Möglichkeiten.

Zufällig kommt mir ein Spaziergänger mit Hunnd entgegen und, obwohl ich nicht gefragt habe, sieht er mir meine Zweifel an.

Er spricht mich direkt auf meine Muschelkette an und sagt mir, dass ich nach schräg rechts laufen muss. Er erklärt mir den weiteren Wegverlauf, erzählt, dass er Wandertouren für Gruppen plant und sich sehr gut in der Gegend auskennt und den Weg auch bereits gelaufen ist. Bevor wir uns verabschieden, weist er mich noch auf den alten jüdischen Friedhof hinter der Hecke hin.

Ich drehe einen Schlenker über den Friedhof, viele alte Grabsteine liegen in einer grünen Wiese, auf den Gräber teilsweise die typischen Steine auf den Grabmälern.

Lange Zeit laufe ich den Wald, oftmals geht es über längere Strecken bergauf, manchmal gemäßigt, manchmal auch knackig.

Ich sehe die Steigungen als gutes Training für mich, auch wenn es nicht an die Steigungen herankommt, die mir demnächst bevor stehen.

Das Laufen funktioniert gut, ich schwanke wenig, der unebene Boden stellt kein großes Problem dar.

Manchmal überquere ich eine kleine Landstraße und bin direkt im Anschluss wieder im Wald.

In meinen Blickwinkel bewegt sich etwas, ich bin unsicher was ich da gesehen habe. Als ich näher komme sehe ich ein Reh. Es guckt mich scheu an, läuft langsam weiter, aber es rennt nicht davon. Über solche Begegnungen freue ich mich immer sehr.

Ich erfreue mich auch am Gesang der Vögel, an dem vielen strahlenden Löwenzahn in den Wiesen, am Wiesenschaumkraut und so vielen Pflanzen die ich nicht benennen kann.

Mehrfach suche ich nach dem Weg. Ich verstehe nicht, wie man die Wegweiser zum Teil so unsinnig anbringen kann. Warum weist man nicht vor einer Abzweigung auf den Richtungswechsel hin? Warum findet man die nächsten Wegweiser erst so spät hinter einem Abzweig und warum sind die Wegweiser nicht so, wie alle Anderen, gemeinsam an einem Baum angebracht.

Ich habe keine Wanderkarte im Vorfeld studiert, weiß nicht, welche Wanderwege hier noch entalng führenn, aber teilweise laufe ich mit dem Weg A3 und einem Weg mit Rautenkennzeichen. A3 und Raute sind prima ausgeschhildert, warum hängt das Muschelsymbol nicht auch an diesen Bäumen?

Es ist toll, dass der Weg durch Ehrenamtliche betreut wird, aber die Ausschilderung müsste öfter kontrolliert werden. Die Schilder aus Metall sind lesbar, die Wegweiser als Aufkleber teils komplett verblasst.

Durch die herrliche Natur geht es immer weiter und ich erreiche die Wupper und folge dieser durch den Wald, überquere sie auf einer Brücke und laufe in einem Bogen in einen kleinen Ortsteil. Es wirkt sehr ländlich, aber es ist der Stadtteil Wuppertal-Beyenburg. Kurze Zeit später stehe ich vor der Klosterkirche und betrete diese. In der Kirche riecht es extrem nach Weihrauch, es ist ganz nebelig in der Kirche, die Messer scheint gerade zu Ende zu sein.

Ich zünde einige Kerzen für meine Lieben an und suche nach einem Stempel. In der Kirche finde ich keine Möglichkeit, auch wenn ich weiß, dass es hier einen Stempel gibt/geben muss. Anschließend drehe ich eine Runde um die Kirche, finde einen Holzkasten in dem man sieht, dass früher mal ein Stempel drin gelegen haben muss. An der Klosterpforte öffnet niemand (es ist Mittagszeit) und so nutze ich die Bänke im Kirchhof für eine kleine Pause. In der Sonne genieße ich mein Brot und einen großen Schluck Wasser, dann geht es weiter.

Der Hundespaziergänger in Schwelm sagte mir, dass es in Beyenburg eine tolle, leckere Eisdiele gibt – aber diese liegt scheibar nicht am Weg und ich suche nicht nach ihr. Von der Klosterkirche geht es über Treppen abwärts, ich laufe eine Schleife an der Wupper und komme an einer weiteren Kapelle vorbei. Auch hier finde ich keinen Stempel, aber zufällig treffe ich auf einen Küster, spreche ihn an und aus dem nahegelegenen Haus wird mir ein Aufkleber mit Stempel gebracht. Auch in dieser Kirche gibt es keinen typischen Stempel mehr, da damit zu viel Unheil angestellt wird und die Kirchenwände damit beschmutzt wurden. In Wuppertal-Beyenburg gibt es diverse Pilgerzeichen, Pilgerbänke und Muscheln an den Gebäuden. Jedes Mal freue ich mich aufs Neue über diese Symbole.

Anschließend geht es wieder in den Wald und ich laufe weiter auf und ab durch herrliche Buchenwälder. Immer wieder die Frage: wo geht der Weg weiter – und dennoch: ich komme voran. Nicht schnell, aber kontinuierlich. Wahrscheinlich bin ich gar nicht so langsam, aber ich genieße es stehen zu bleiben, zu schauen, zu beobachten und Fotos zu machen.

Irgendwann komme ich von jetzt auf gleich aus dem Wald hinaus und plötzlich verändert sich die Landschaft. Statt Böume und Wälder schaue ich auf eine grüne Wiesen- und Felderlandschaft. Sanfte Hügel reihen sich aneinander, viele Blumen, viele Wiesen, einige Höfe, Weiden….

Jetzt führt der Weg über viele Kilometer über diese kleinen Landstraßen, über viele gute Feldwege, manchmal geht der Weg durch die Wiesen. Auf diesen kleinen Wegen komme ich zügig voran. Es stört mich nicht, dass ich auf kleinen Straßen laufe, ich sehe so gut wie kein Auto, werde nur ab und zu von einem Traktor gegrüßt.

In einem Garten am Wegesrand steht eine ältere Dame und fragt, wohin ich möchte. Sie weist mich auf die unweit gelegene Wuppertal-Staumauer hin, aber diese liegt nicht auf meinem Weg. Die Dame ist einerseits begeistert, andererseits entsetzt, dass ich in Etappen von Münster bis hierher gelaufen bin. Sie wünscht mir alles Gute und weiter geht es.

Immer mal wieder komme ich durch kleine Siedlungen, nach wie vor geht es durch die sanfte Hügellandschaft.

Nach einer Weile komme ich mit einem weiteren Ehepaar ins Gespräch, ursprünglich war die Frage nach dem weg und ob der in der nicht so großen Ferne liegende Turm zu Remscheid gehört. Wieder entsteht ein nettes, kurzweiliges Gespräch und dannn ist es nicht mehr so weit bis zum Ortseingangsschild. Hinter dem Ortseingang bleibt es noch einige Kilometer sehr ländlich und dann erreiche ich den historischen Ortsteil von Lennep. Die Häuser sind alle mit Schieferplatten verkleidet, eine schöne Kirche steht im Mittelpunkt, aber diese ist wegen Bauarbeiten geschlossen.

Nach 18km treffe ich auf das erste geöffnete Caf’é am Wegesrand und setze mich an einen kleinen Tisch auf dem Marktplatz. Lange bleibe ich nicht, es ist schon 16 Uhr, aber einen Eiskaffee gönne ich mir. Länger als 15/20min verweile ich nicht, aber ich habe das Gefühl, die Zeit wird mir knapp. Einerseits habe ich das Gefühl, gut zu laufen, gut vorwärts zu kommen und wenn ich auf die Landkarte schauen, habe ich noch ein ganzes Stück vor mir.

Aus Remscheid hinaus zieht sich der Weg an der Bundesstraße in die Länge und ich bin froh, als ich nach rechts abbiege und sehe, dass es ab hier wieder ruhiger und grüner wird.

Der Wegcharakter ändert sich nicht. Immer durch grüne Wiesen und Felder laufe ich bergab und sehe es zwischen den Bäumen glitzern. Kurze Zeit später erreiche ich die Eschbachtalsperre. Der See liegt ruhig im Wald. Ich überquere die Staumauer, laufe auf der anderen Ufer in die Richtung aus der ich gekommen bin. Nach einiger Zeit geht es um eine Kurve wieder bergauf und ich bin im Endspurt nach Wermelskirchen. Wermelskirchen, oder die Eingemeindung am Stadtrand, durchwandere ich auf dem Bürgersteig der Bundesstraße.

Auf den Verkehrsschildern ist angezeigt, dass ich kurz vor dem Zentrum sein muss. Ich weiß, dass gegen 18.30 Uhr ein Bus gen Heimat fahren muss. Ich packe das Handy aus um mir den kürzesten Weg zum Busbahnhof anzeigen zu lassen. Zufällig sind es nur noch 400 Meter bis zum Busbahnhof, aber leider verpasse ich den Bus zurück ganz knapp.

Das Zentrum von Wermelskirchen habe ich nicht mehr gesehen, wahrscheinlich hätte ich mir noch etwas Zeit dafür nehmen können, aber ich beschließe am Busbahnhof zu bleiben. Ich setze mich in die kleine Bar mit Blick auf die Busse, bestelle mir einige Nudeln und genieße die Pauuse, das Ankommen – auch wenn ein Busbahnhof normalerweise nicht das Ziel einer Pilgertour ist.

Bin ich Pilger wenn ich hier laufe? Ich fühle mich hier, wo ich in Tagesetappen laufe, eher als Wanderer, als Tourist, aber als ein Walderer mit Pilgerseele.

Es war ein schöner Tag, auch von Wermelskirchen fehlt mir der Stempel im Pilgerausweis – aber ich weiß, ich bin zu Fuß hier her gelaufenn. Es sind noch zwei Etappen, insgesammt 38km bis Köln. Vielleicht finde ich beim nächsten Start in Wermelskirchen ein geöffnetes Pfarrbüro zum Stempeln, eine Touristeninformation, was auch immer.

Der Küster der kleinen Kapelle in Beyenburg sagte mir, ich könne auch den Pfarrämtern/Kirchengemeinden eine Mail schicken und um einen Stempel bitten. Entweder hätten diese Kirchen, so wie die Kapelle auch, Aufkleber für die Credencial, oder man würde mir einen Stempel auf ein Stück Papier schicken und ich könnte diesen dann in meinem Pilgerausweis kleben.

Zwei Etappen, ich habe noch 17 Tage bis zum Aufbruch, dass müsste klappen. Vielleicht kann ich auch die zwei Etappen verbinden und übernachte vor Köln in Odenthal, Altenberg oder wo auch immer. Vielleicht finde ich eine günstige Pilgerunterkunft….


30. Apri 2026

Gestern war ein runum gelungener, schöner Tag.

Morgens bin ich vor dem Wecker erwacht, hatte noch etwas Zeit im Bett zu dösen und bin dann pünktlich aufgestanden um die geplante Zug/S-Bahn/Busverbindung nach Werkmelskirchen zu bekommen.

Den Tagesrucksack hatte ich am Abend vorher vorbereitet und nach einer Tasse Kaffee ging es mal wieder mit dem Rad zum Bahnhof.

Geschwind das Fahrrad im Radkeller geparkt und hinein in den Zug.

Schon in Münster sind wir – eigentlich muss man es nicht erwähnen – mit leichter Verspätung gestartet. Während der Zugfahrt wurde die Verspätung immer größer und schnell war klar: die geplante Verbindung wird nicht funktionieren. Mehrfach musste ich bis zur Ankunft in Wermelskirchen meine Fahrpläne ändern, aber Dank Smartphone ist das in der heutigen Zeit kein Problem. Mich hat es nur um die Stunde geärgert, die ich reintheoretisch hätte länger schlafen können (aber ich gehe nicht davon aus, dass diese Zugverbindung pünktlich gewesen wäre).

Im Stadtzentrum von Wermelskirchen stieg ich unweit der Kirche aus und begab mich direkt dort hin. Bei meiner Ankunft in Wermelskirchen bin ich nicht über die Kirche zum Busbahnhof gegangen, sondern auf direktem Wege.

In der Kirche gab es einen schönen Tisch mit Pilgerstempel, Gedanken zum Weg und Stationen in der Kirche.

Im Eingang konnte man einen Stein mitnehmen und an einem Platz in der Kirche, symbolisch für das Loslassen von Sorgen und Nöten, ablegen. Eine Weltkugel aus Bronze mit Kerzenhaltern lud zum Anzünden einiger Kerzen ein. Auf einem Tisch lagen nette Worte zum Weg.

Nach diesem schönen Beginn ging es dann für mich auf den Weg.

Schnell war ich aus dem Städtchen raus, auch wenn ich nicht immer auf dem offiziellen Weg ging. Nach einiger Zeit fand ich aber wieder zurück zur Beschilderung.

Nach nur 10min war ich im Grünen.

Der Weg heute geht mehr oder weniger komplett am Eifgenbach entlang. Mal lief ich direkt neben dem Bach, mal etwas abseits, durch die Auen.

Das Wetter war herrlich. Strahlend blauer Himmel, ein erfrischender Wind, das Grün leuchtet als ob es kein Morgen gibt.

Mal lief der Bach durch den Wald, mal durch flache grüne Wiesen, mal komplett in der Sonne, mal im kühlen Schatten.

Die Temperaturen täuschen oftmals beim Laufen. Mir wird immer sehr schnell warm, aber wenn man im Schatten pausiert spürt man, dass es noch früher Frühling ist.

Der Weg lief relativ flach, mal leicht steigend, mal leicht abfallend, aber immer sehr human. Auf diesen schönen Forstwegen komme ich gut voran. Irgendwann wundere ich mich mal wieder über ausbleibende Wegbeschilderungen und zücke mein Handy.

Irgendwo, der Abzweig muss schon ein ganzes Stück zurück liegen, hätte ich den Bach überqueren müssen.

Mein GPS zeigt mir an, dass der Weg gar nicht so weit hinter einer großen Wiese laufen muss.

Die Wiese ist eingezäunt mit Stacheldraht, der Stacheldraht scheint elektrisch gesichert zu sein. Ich suche mir eine passende Stelle, werfe den Rucksack über den Zaun, die Stöcker hinterher und auf allen Vieren krabbele ich unter dem Zaun durch.

Ohne mir das Shirt zu zerreißen oder eine Schramme zu holen stapfe ich durch die Wiese, klettere durch einen weiteren Stacheldraht nur um dann festzustellen: vor dem Weg läuft ein zuvor nicht sichtbarer Bach. Nach ausgiebiger Betrachtung des Bachbettes finde ich hinter einem Zaun eine Stelle mit Steinen im Fluss und nur geringer Breite. Egal, ob meine Hose hinterher verfärbte, schmutzige Knie hat oder nicht, klettere ich noch einmal durch einen Zaun, über den Bach – frage mich was ich hier gerade mache und ob es nicht schneller gewesen wäre umzukehren – und stehe vor einer steilen, aber übersichtigen Böschung.

Mit meinen Trekkingstöcken und festgehalten an Sträuchern und Bäumen stehe ich kurze Zeit später wieder auf dem Weg. Das GPS zeigt mir, dass ich richtig bin und dann kommt irgendwann wieder ein Wegweiser.

Was bin ich froh, dass ich auf dem Camino Baztan von meinen Pilgerkollegen in das Thema Navigation mit GPS eingeführt wurde….

Heute führt der Weg durch keinein einzigen Ort. Wenige Male überquere ich eine Straße oder laufe an ihr entlang und biege in den nächsten Feldweg.

Mittagspause mit einem Käsebrötchen, Wasser und Apfel mache ich auf einer schönen Bank.

Ich genieße das Glitzern des Baches, das Rauschen. Ich genieße die Vogelstimmen, die vielen Schmetterlinge, den Wind. Es läuft sich heute so beschwingt und Leicht (ich weiß, dass ich diesen Zustand dem Cortison vom HNO zu verdanken habe).

Immer mal wieder komme ich in Bereiche wo der Borkenkäfer gewütet hat. Einige Bäume liegen in den Kronen der benachbarten Bäume. Manchmal hört sich das Knarren und Knatschen der Äste beängstigend an, einmal fällt ein Ast undweit von mir zu Boden.

Gedanken mache ich mir keine, Angst darf man auch nicht haben. Überall kann das Schicksal einen treffen, auch wenn ich es nicht herausfordere. Bei Sturm, bei Gewitter oder in gefährlichen Wetterbedingungen hat die Vernunft immer Vorfahrt.

Mehr als einmal komme ich vom Weg ab. Da der Camino heute aber fast immer mit dem Eifgenbachweg und zwei weiteren Wegweisern parallel lief, folge ich dem Eifgenbachweg. Es geht mehr als steil hinauf, aber richtig steil. In einem großen Bogen laufe ich auf den Berg hoch, denke immer, dass ich bald mal Altenberg sehen muss, aber ich sehe nach wie vor auf grüne Hügel und Wiesen.

Dieser Anstieg ist richtig hart, ich werde unsicher und sehe auf dem Smartphone, dass ich einen Zusatzschlenker gelaufen bin. Irgendwo hätte es einen kleinen Abzweig geben müssen. Wahrscheinlich wäre die Alternative weniger anstrengend gewesen, aber sicher nicht schöner. Viel mehr als 500 Meter Umweg sind es auch nicht gewesen und ich ärgere mich nicht. Am Fuß des Berges treffe ich wieder auf den vertrauten Wegweiser.

Ich höre die Autostraße näher kommen und erreiche diese. Es kann nicht mehr weit sein. Nach Überuerung der Straße bin ich wieder auf einem Fußweg, laufe weiter durch einen hügeligen Wald, erreiche einen Märchenwald und den Altenberger Dom sehe ich erstmals 100 Meter vor meiner Ankunft.

Ich freue mich über das gewaltige Gotteshaus. In aller Ruhe schaue ich mir den Dom an, stempele meinen Pilgerausweis, laufe eine Runde um den Dom und setze mich gut gelaunt in das Café am Dom.

Von hier aus sind es noch ca. 2,5km bis Odenthal (meinem geplanten Tagesziel), ich liege gut in der Zeit und so nehme ich mir diese und genieße eine leckere Waffel mit Kirschen und Eis und einen schönen Kaffee.

Selten bleibe ich eine Stunde in einem Café sitzen, aber ich genieße den Moment, habe keine Eile und weiß, dass der Rückweg wesentlich schneller mit der Bahn zu absolvieren ist, als der Hinweg.

Anschließend laufe ich die nächsten 2,5km bis in das Stadtzentrum von Odenthal. Ab Stadtrand gibt es eine winzige Kapelle, auch hier zünde ich noch einmal zwei Kerzen an.

Der Zufall will, dass ich nur 12min auf den Bus Richtung Leverkusen warten muss.

Die Heimreise läuft unspektakulär. Mit dem Bus nach Leverkusen, von da mit Umstieg in Duisburg nach Münster. In der letzten Stunde Bahnfahrt schwächele ich, stelle mir den Wecker und döse.

Es war ein rundum schöner Tag, ich habe mich gut gefühlt, das Laufen ging problemlos und schmerzfrei.

Langsam habe ich das Gefühl, ich bin vorbereitet für meinen Camino. Ich freue mich auf ihn.

Letztes Jahr, nach Papas Tod, war es eine ganz stille, leise Vorfreude – anders als in den Jahren davor. Dieses Jahr ist es wieder eine große, strahlende Vorfrede und Spannung.

Heute in zwei Wochen sitze ich im Flieger, bin um diese Zeit schon in Paris und warte auf meinen Weiterflug nach Pau…

Noch eine Etappe bis Köln, das schaffe ich noch vor meinem Aufbruch.

Ich habe mir vorgenommen, dass ich nach meinem Urlaub, im Herbst oder wann auch imemer, die dann noch fehlenden 4 Etappen von Köln nach Aachen bis zur belgischen Grenze laufen werde. Diese Etappen werde ich aber in Doppeletappen mit Übernachtung laufen. Vielleicht finde ich eine günstige Unterkunft, oder ich nehme Kontakt mit den Pfarreien auf, ob diese mir bei der Suche nach einer günstigen Unterkunft helfen können.